{"id":583,"date":"2025-11-13T22:29:33","date_gmt":"2025-11-13T22:29:33","guid":{"rendered":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/?p=583"},"modified":"2025-11-13T22:45:39","modified_gmt":"2025-11-13T22:45:39","slug":"hierarchie-keine-augenhohe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/2025\/11\/13\/hierarchie-keine-augenhohe\/","title":{"rendered":"Hierarchie = keine Augenh\u00f6he?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gewaltfreie Kommunikation (GFK)<\/strong> nach Marshall B. Rosenberg ist Geisteshaltung und Werkzeug, um empathisch zu kommunizieren, Konflikte zu deeskalieren und Beziehungen auf Augenh\u00f6he zu gestalten. Gerade in der P\u00e4dagogik sehe ich einen riesigen Wert in ihrer Anwendung (vgl. Bindungspsychologie, Forschung zum Mentalisieren) und auch Besonderheiten, die sich aus der Natur dieses Settings ergeben. Welche Besonderheiten das sind wird im folgenden Beitrag beleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Asymmetrische Machtverh\u00e4ltnisse<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>P\u00e4dagogische Beziehungen sind per se asymmetrisch. Erwachsene tragen Verantwortung f\u00fcr das Wohl und die Entwicklung der Kinder, was manchmal auch bedeutet, dass sie Entscheidungen treffen (m\u00fcssen), die nicht im unmittelbaren Einklang mit den Bed\u00fcrfnissen des Kindes stehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beispiel<\/strong>: Ein Kind m\u00f6chte keine Jacke anziehen, drau\u00dfen hat es aber unter 10 Grad. Die Bed\u00fcrfnisse des Kindes (\u201eAutonomie\u201c) und die F\u00fcrsorgepflicht (\u201eGesundheit\u201c) kollidieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00e0 Wo ein Kind die Konsequenzen f\u00fcr sein Handeln noch nicht vorhersehen oder die Zusammenh\u00e4nge begreifen kann braucht es deine <strong>stellvertretende Kraft als P\u00e4dagogin<\/strong> (Hahn, 2007). Sie wird immer dann gebraucht, wenn ein Bed\u00fcrfnis des Kindes, f\u00fcr das du verantwortlich bist (hier: Gesundheit) \u00fcber seinem Bed\u00fcrfnis nach Autonomie steht. Es braucht dazu viel Feingef\u00fchl und Empathie, da das Kind vermutlich Gef\u00fchle der Ohnmacht (=\u201cich bin jetzt ohne Macht\u201c) erlebt. Wichtig ist, dass du Klarheit hast, warum du die stellvertretende Kraft einsetzt und das dem Kind auch so vermittelst. Tue dies mit den Gedanken, dass du zwar seinen Willen respektierst, ihm jetzt jedoch nicht nachkommen kannst.<\/p>\n\n\n\n<p>So kannst du z.B. sagen: <em>\u201eKeine Jacke anzuziehen geht heute leider nicht, weil es zu kalt ist. Ich h\u00e4tte Angst, dass du dich erk\u00e4ltest, und dann tagelang nicht spielen kannst. Du kannst aber aussuchen, ob du die blaue oder die rote Jacke anziehen magst. Welche m\u00f6chtest du lieber?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Du siehst, dass in dem Beispiel das Kind zwar nicht entscheiden darf, <em>ob<\/em> es eine Jacke anzieht, aber daf\u00fcr <em>welche<\/em>. So kann es trotz des Anwendens der stellvertretenden Kraft autonom Mitentscheiden. Das kann eine wundervolle Br\u00fccke in solchen Momenten sein. Nimmst du wahr, dass es noch mehr braucht, schenke Empathie:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDa \u00e4rgerst du dich jetzt, weil du gerne selbst entschieden h\u00e4ttest, oder?\u201c \u2026 \u201eDas verstehe ich. Ich entscheide auch gerne f\u00fcr mich. Du kannst jetzt entscheiden, ob du lieber die rote oder die blaue Jacke anziehen magst. Welche m\u00f6chtest du?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Pr\u00e4ventiv kannst du im Alltag ganz bewusst daf\u00fcr sorgen, dass das Bed\u00fcrfnis der Kinder nach Autonomie gen\u00e4hrt wird. Zum Beispiel, dass sie sich aktiv im Morgenkreis einbringen d\u00fcrfen, bei der Spielzeit selbst mitbestimmen k\u00f6nnen etc. So bekommen sie die M\u00f6glichkeit, Dingen f\u00fcr sich zu entscheiden, die sie selbst schon absehen <em>k\u00f6nnen<\/em> und erleben mit einer h\u00f6heren Wahrscheinlichkeit weniger Frustration in Momenten, in denen sie das nicht k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr dazu findest du im Buch \u201eDie Superkraft der liebevollen F\u00fchrung\u201c von Dr. Martina Stotz und Kathy Weber (Stotz &amp; Weber, 2023).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Unrealistische Erwartungen an Kinder<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>GFK setzt ein gewisses Ma\u00df an Selbstreflexion und sprachlicher Ausdrucksf\u00e4higkeit voraus. Das sind F\u00e4higkeiten, die Kinder im Laufe ihres Lebens entwickeln. So muss auch ihr Wortschatz f\u00fcr Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse erst wachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anspruch, dass Kinder \u201egewaltfrei kommunizieren\u201c sollen, ist daher unrealistisch und auch wenig dienlich. Dennoch macht es Sinn, auch schon mit ganz kleinen Kindern gewaltfrei zu sprechen und vor allem die <strong>Haltung<\/strong> der GFK einzunehmen (mehr dazu hier). Einerseits, weil die Stimmung einer Botschaft auch ohne Worte transportiert wird und andererseits, weil sie so die Gelegenheit zum Ausbau ihres <strong>Wortschatzes<\/strong> bekommen. Auch was Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse betrifft &#8211; dies ist einer der ersten wichtigen Entwicklungsschritte, um sp\u00e4ter gewaltfrei sprechen zu k\u00f6nnen. Apropos \u201emit Kindern gewaltfrei sprechen\u201c: du kannst Kinder unterst\u00fctzen, indem du versuchst, ihr Erleben (in alter GFK-Manier v.A. Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse) <strong>explizit zu benennen<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kind lacht: \u201eAh, das gef\u00e4llt dir! Da freust du dich!\u201c<br>Kind st\u00fcrzt und blickt dich mit gro\u00dfen Augen an: \u201eOje, da hast du dich erschreckt. Schau ich helfe dir beim Aufstehen.\u201c<br>Kind st\u00fcrzt und weint: \u201eOje, das tut weh. Ich bin bei dir.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kann sich das Kind schon begrenzt ausdr\u00fccken, unterst\u00fctze, indem du nicht-gewaltfreie Aussagen umformulierst. Wenn das Kind z.B. sagt \u201eBl\u00f6de Mira.\u201c &#8211; kannst du, statt es zu tadeln (\u201eSowas sagt man nicht.\u201c), antworten:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201e\u00c4rgerst du dich gerade, weil du auch gerne mit dem Ball gespielt h\u00e4ttest?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dies sind wunderbare Gelegenheiten, sowohl die Entwicklung des Kindes zu f\u00f6rdern als auch eure Beziehung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Systemische Rahmenbedingungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir alle kennen die Rahmenbedingungen und die Konsequenzen von Personalmangel und hohen Betreuungsschl\u00fcsseln \u2013 Zeitdruck. Dieser steht dann dem Wunsch, sich einem Kind ganz zu widmen, entgegen. Zu versuchen, diesen Konflikt auf institutioneller Ebene (Kindergarten, Schule) oder sogar auf individueller zu l\u00f6sen, muss scheitern. Denn ein Konflikt kann immer nur dort behoben werden, wo er entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch sind P\u00e4dagog*innen den Rahmenbedingungen nicht ausgeliefert. Es lohnt sich, als Team zu reflektieren, wie man die Bereiche, die gestaltet werden k\u00f6nnen, gestalten m\u00f6chte. Welche Bed\u00fcrfnisse k\u00f6nnen durch die Gestaltung des Raums, der Ablaufe und des Verst\u00e4ndnisses von Miteinander pr\u00e4ventiv gest\u00e4rkt werden? Und zwar, welche Bed\u00fcrfnisse der Kinder <em>und<\/em> der P\u00e4dagog*innen? Konkret hatte ich zuvor beispielsweise das Bed\u00fcrfnis der Kinder nach Autonomie genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus dient die GFK jeder und jedem Einzelnen dazu, herauszufinden, was er\/sie wirklich m\u00f6chte und wo die eigenen Grenzen liegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Grenzen der Empathie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Empathie ist ein zentrales Element der Gewaltfreien Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00e0 Empathie kann jedoch nur dann authentisch und nachhaltig gegeben werden, wenn ausreichend pers\u00f6nliche Ressourcen vorhanden sind. Empathie zu geben, darf daher <strong>niemals zum p\u00e4dagogischen Dogma<\/strong> werden (\u201eWir P\u00e4dagog*innen m\u00fcssen immer empathisch sein.\u201c). Wenn du z.B. schlecht geschlafen hast und m\u00fcde bist \u2013 lasse das deine Kolleg*in wissen und versucht gemeinsam einen Weg zu finden:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIch habe heute Nacht schlecht geschlafen und f\u00fchle mich m\u00fcde und ersch\u00f6pft. Ich bef\u00fcrchte, dass ich Wut heute nicht so gut auffangen kann, wie sonst. W\u00e4rst du bereit das heute zu \u00fcbernehmen, wenn es die Situation erlaubt erlaubt?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Will ein Kind an dem Tag unbedingt in den Garten getragen werden, verbalisiere auch ihr gegen\u00fcber deine Grenzen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eHeute bin ich so m\u00fcde. Das ist mir zu viel. Denkst du, du schaffst es, wenn wir uns an der Hand nehmen?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Damit gibst du dem Kind die Chance zu sehen, dass auch Erwachsene Menschen mit Gef\u00fchlen und Bed\u00fcrfnissen sind \u2013 genau wie sie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. Manipulative Anwendung von GFK<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie jede Methode, kann auch die GFK nicht im Sinne ihres Begr\u00fcnders gebraucht werden. Dies kann dann der Fall sein, wenn die Technik angewandt wird, ohne die GFK-Haltung einzunehmen &#8211; um Kinder \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 dazu zu bringen, zu tun, was man m\u00f6chte. Dann wird m\u00f6glicherweise eine \u201eBitte\u201c doch zur versteckten Forderung (\u201eBitte mache das, sonst&#8230;\u201c) oder Gef\u00fchle werden instrumentalisiert (\u201eDa bin ich aber traurig, wenn du&#8230;\u201c). Aussagen wie diese \u00e4hneln zwar in ihrer \u00e4u\u00dferen Form der GFK, aber die Motivation dahinter ist weder Verbindung noch Augenh\u00f6he; entspricht also nicht dem Geist der GFK. Mehr zur Bedeutung der GFK-Haltung findest du hier.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Die GFK kann ein starkes Fundament bindungsorientierter p\u00e4dagogischer Arbeit sein \u2013 solange sie Haltung bleibt und kein Dogma wird.<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Sie zeigt eine Weg auf, wie P\u00e4dagog*innen Kinder empathisch begleiten k\u00f6nnen, wenn Autonomie nicht m\u00f6glich ist und wo Grenzen notwendig sind. So entsteht Beziehung auf Augenh\u00f6he \u2013 trotz Hierarchie.<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>Begrenzungen durch strukturelle Rahmenbedingungen k\u00f6nnen mit GFK nicht \u201eweggeredet\u201c werden.<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Impulse zur Reflektion:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wie kann ich das Bed\u00fcrfnis der Kinder nach Autonomie pr\u00e4ventiv im Alltag n\u00e4hren?<\/li>\n\n\n\n<li>Wie n\u00e4hre ich meine Bed\u00fcrfnisse (nach Ruhe, Erholung, Gesundheit, Spa\u00df, Leichtigkeit, Verbundenheit, Bewegung, \u2026) im Alltag?<\/li>\n\n\n\n<li>Welche Bed\u00fcrfnisse der Kinder und des Kollegiums k\u00f6nnen durch die Gestaltung des Raums, der Abl\u00e4ufe pr\u00e4ventiv gest\u00e4rkt werden? Wie wollen wir als Kollegium Miteinander leben?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hahn, B. (2007). Ich will anders, als du willst, Mama. Kinder d\u00fcrfen ihren Willen haben &#8211; Eltern auch! Erfahrungen mit der Anwendung von GFK in der Familie. Freiburg: Junfermann Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Stotz, M. &amp; Weber, K. (2023). Die Superkraft der liebevollen F\u00fchrung. Kindern Orientierung, Freiraum und Grenzen schenken. Weinheim: Beltz Verlag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Besonderheiten sich im p\u00e4dagogischen Setting ergeben und wo die Grenzen der GFK liegen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":66,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-583","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erste-schritte-mit-der-gfk"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/583","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=583"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/583\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":584,"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/583\/revisions\/584"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/66"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=583"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=583"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/cool-wright.152-53-46-204.plesk.page\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=583"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}